Begriffe(n)? Kommunikation.

Es ist lohnend, Begriffsverständnisse zu klären. Und zwar bevor man beginnt an den mit dem Begriff gemeinten Phänomenen und Wirklichkeiten herumzuwerkeln. Frei nach Luhmann: Worúber gespruchen wird, das wird durch Begrifflichkeiten bestimmt. Begriffliche Klärung ist damit Teil einer ganz praktischen Gestaltung von Wirk-lichkeit. Begriffe wirken. Es macht somit einen Unterschied wie ich mir /hier beliebigen Begriff einsetzen/ vorstelle, was ich darunter verstehe. wie ich XY begreife.

Beispiel:

Kommunikation

„Ausgeschlossen ist aber auch die Auffassung, daß Kommunikationssysteme, also soziale Systeme, wahrnehmen können. Diese These ist schwer bewußt zu machen, da das Bewußtsein ganz selbstverständlich und buchstäblich gedankenlos von einer Wahrnehmungswelt ausgeht und alles, was für es vorkommt, in dieser Wahrnehmungswelt vorkommen läßt. Auch natürlich Kommunikation. Aber wenn man die theoretische Reflexion von Was-Fragen auf Wie-Fragen umstellt, also nicht mehr fragt, worüber kommuniziert wird, sondern wie kommuniziert wird, zeigen sich die Schwierigkeiten. Kommunikation kann nicht gut als »Übertragung« von Information von einem (operativ geschlossenen) Lebewesen oder Bewußtseinssystem auf ein anderes begriffen werden. Sie ist eine eigenständige Art der Formbildung im Medium von Sinn, eine emergente Realität, die zwar bewußtseinsfähige Lebewesen voraussetzt, aber auf keines dieser Lebewesen und auch nicht auf alle zusammen zugerechnet werden kann. Sie vollzieht eine im Vergleich zum Bewußtsein sehr langsam arbeitende, sehr zeitraubende Sequenz der Transformation von Zeichen (was unter anderem heißt, daß das an der Kommunikation teilnehmende Bewußtsein Zeit hat für eigene Wahrnehmungen, eigene Imaginationen, eigene Gedankenarbeit). Sie greift mit eigenen Rekursionen vor und zurück auf weitere Kommunikationen und kann überhaupt nur so, das heißt nur im Netzwerk selbstproduzierter Kommunikation, operative Elemente des eigenen Systems, eben Kommunikationen, produzieren. Sie bildet dadurch ein eigenes autopoietisches System im strengen (nicht nur »metaphorisch« gemeinten) Sinn dieses Begriffs. Und in genau dieser Organisationsform der eigenen Autopoiesis kann Kommunikation weder Wahrnehmungen aufnehmen noch selbst Wahrnehmungen produzieren. Sie kann natürlich über Wahrnehmungen kommunizieren – so wenn jemand sagt: ich habe gesehen, daß … “

Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, S. 19-21.

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