Prozessberatung: 10 Prinzipien (Ed Schein)

In seinem Buch Prozessberatung für die Organisation der Zukunft entfaltet Edgar H. Schein eine praxisbezogene Orientierung für Menschen, die hilfreich sein wollen. Er beschreibt ein Modell helfender Beziehungen, das für alle Personen, die mit Lern- und Veränderungsprozessen befasst sind, interessante Impulse zur Prozessgestaltung bietet.

Er legt den Fokus auf das Prozessdesign als Kern hilfreicher Beziehungen und als Voraussetzung für das Erreichen von Ergebnissen in Entwicklungsprozessen von Einzelnen, Gruppen, Organisationen und Gemeinsachaften.

Seine Diagnose lautet:

Wir denken zu wenig »in Prozessen«, richten zu wenig das Augenmerk auf sie und setzen sie kaum zur Erreichung unserer Ziele ein. Es ist eher so, dass wir an Prozessen teilnehmen oder welche in Gang setzen, die sogar unseren Zielen entgegenarbeiten. Daher ist es entscheidend, sich mit interpersonellen Prozessen, Gruppen- und Organisationsprozessen sowie Prozessen in Gemeinden zu beschäftigen, sofern man die Funktionsweise von zwischenmenschlichen Beziehungen, Gruppen und Organisationen verbessern will.

Schein beschreibt 10 Prinzipien zum Aufbau helfender Beziehungen. In Klammern formuliere ich in eigenen Worten Schlüsselfragen zur Selbstvergewisserung. Diese Selbstreflexion kann hilfreich sein sowohl zur „Inventarisierung“ der eigenen Prozesskompetenz, als auch zur Steuerung ganz konkreter Prozesse in Lern- und Veränderungskontexten.

1. Versuche stets zu helfen. (Habe ich wirklich die Absicht zu helfen?)

2. Verliere nie den Bezug zur aktuellen Realisität. (Kann ich entschlüsseln, was in mir, der Situation und der zu helfenden Person vorgeht?)

3. Setze dein Nichtwissen ein. (Kann ich unterscheiden zwischen dem, was ich weiß, was ich glaube zu wissen und was ich wirklich nicht weiß und nutze ich mein Nichtwissen als Ressource?)

4. Alles was du tust ist eine Intervention. (Übernehme ich Verantwortung für meine Handlungen und deren Konsequenzen in HInblick auf den Aufbau einer helfenden Beziehung?)

5. Das Problem und seine Lösung gehören dem Klienten. (Schaffe ich eine Beziehung, in der der Klient HIlfe erhält, ohne dass er mir seine Probleme „aufschultert“ bzw. ich fertige Lösungen anbiete?)

6. Geh mit dem Flow. (Respektiere ich den Flow in der Realität des Klienten bzw. kann ich es aushalten der unbekannten Situation zu begegnen ohne ihr meinen Flow aufzuzwingen, bis wir uns in einen gemeinsamen Prozess „einschwingen“?)

7. Das Timing ist entscheiden. (Habe ich bei meinen Interventionen – Einbringen einer neuen Perspektive, Frage etc. – die Aufmerksamkeit des Klienten im Blick bzw. eine Sensibililität für die Bedeutsamkeit von passenden Augenblicken?)

8. Sei konstruktiv opportunistisch und arbeite mit konfronttaiven Interventionen. (Nehme ich Momente der Offenheit für neue Impulse wahr bzw. nutze ich diese für weiterführende Inhalts-/ Beziehungsangebote?)

9. Alles liefert Daten; Fehler wird es immer geben, sie sind die wichtigste Quelle neuer Erkenntnisse. (Lerne ich aus unerwarteten bzw. unerwünschten reaktionen des Klienten und nutze ich diese, um die Realität des Klienten und meine Realität besser zu verstehen?

10. Teile im Zweifelsfall das Problem mit anderen. (Bin ich in der Lage, zu Unsicherheiten zu stehen und diese auch mit dem Klienten zu teilen?)

Da besonders auch dieses 10. Prinzip angesichts komplexer Situationen, dem Empfinden eigener Hilflosigkeit und des Anspruchs einer Kommunikation auf Augenhöhe sehr bedeutsam ist, hierzu noch ein – wie ich finde – entlastendes Zitat:

Warum sollte ich davon ausgehen, dass ich immer weiß, was als nächstes zu tun ist? Angesichts der Tatsache, dass wir es mit dem Problem und der Realität des Klienten zu tun haben, ist es vollkommen angebracht, wenn ich den Klienten in meine Hilfebemühungen einbeziehe.

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