Schlüssel- oder Schaumkompetenz für die Kultur der Digitalität?

Bei der Frage, welche Fähigkeiten Menschen angesichts der digitalen Transformation brauchen, kreisen die Antworten häufig um ein bestimmtes Handeln (kompetenter Umgang mit Technologie, Kollaboration, kommunikatives Handeln, agiles Projektmanagement etc.).

Auch die Handlungsbedingungen sind durch eine Vielzahl an Studien zu Trends und Entwicklungen sowie teilweise sehr elaborierten Beschreibungen einer Kultur der Digitalität gut ausgeleuchtet.

Im Zusammenhang mit dieser Außenperspektive (Wie sollte unter gegebenen Bedingungen gehandelt werden?) ist das Konzept der sog. Schlüsselkompetenzen schon seit Längerem prominent. Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts dient der Begriff „Kompetenz“ dazu, Lern- und Entwicklungsprozesse zu orientieren. Das Kompetenzdenken verzeichnet interdisziplinär einen Siegeszug. Besonders unter Bedingungen in der sog VUCA-Welt ist es auch folgerichtig, besonderen Wert auf eine selbstorganisierte und kreative Handlungsfähigkeit zu legen. In der Pädagogik markiert das Konzept der Ermöglichungsdidaktik in diesem Zusammenhang den Paradigmenwechsel von der Wissensvermittlung zur selbstorganisierten Aneigung von Wissen und Können.

Kürzlich bin ich über eine meiner Meinung nach wichtige Ergänzung dieses vorzugsweise handlungsorientierten Kompetenzdiskurses gestolpert. Eine Ergänzung, die auf der Ebene der psychischen Prozesse angesiedelt ist (Innenorientierung) und danach fragt, welche psychischen Kompetenzen benötigt werden, um in der digitalen Welt zurecht zu kommen, oder gar glücklich zu werden.

Klaus Eidenschink befasst sich in der unten eingefügten Keynote mit dieser Frage. Er macht deultich, dass die traditionelle Zielvorstellung einer Entwicklung von Handlungssicherheit zunehmend obsolet wird. Das Konzept der Schlüsselkompetenzen transportiert ja genau diese Metaphorik, denn: Wo ein Schlüssel ist, ist auch ein Haus. Ein Haus, zu dem man sich mithilfe bestimmter Kompetenzen Zutritt verschaffen kann. Ein Haus, das Sicherheit verschafft. Mit klaren Grenzen zur Umwelt. Diesem Bild setzt Eidenschink die Metaphorik der „Unbehaustheit“ entgegen.

Die Menschen müssen – metaphorisch gesprochen – die Fähigkeit entwickeln, in Netzen ihr Nest zu bauen und ihren Raum im sozialen Schaum finden. Die Zeiten fester Gemäuer und Gebäude, die Zeiten stabiler Gruppen von Gleichartigen, die Zeiten von Vertrautheit mit einer bekannten Welt ohne große Überraschungen neigen sich dem Ende zu. Das führt zu einem großen Bedarf an der Fähigkeit loszu-lassen, an der Kompetenz Sicherheit im Wechsel zu erleben und an Möglichkeiten den Reichtum des Innenlebens auszukosten. Dies fällt Menschen nicht einfach zu, sondern das sind hochentwickelte Kulturfähigkeiten, die systematisch im Bildungssystem verankert werden müssen

Zitat aus diesem Thesenpapier

Interessant auch: Er entwickelt seine Überlegungen auf der Basis eines Bedürfnismodells mit den drei Grundbedürfnissen: Bindung, Selbstbestimmung und Selbstachtung.

Der theoretisch wichtigste Punkt ist, dass jedes dieser drei o.g. Bedürfnisse in sich polar und prozessual gedacht wird: Bindung als die Regulation von Nähe UND Distanz, Selbstbestimmung als die Regulation von Freiheit UND Sicherheit, und Selbstachtung als die Regulation von Einzigartigkeit UND Zugehörigkeit. Daher gibt es in dieser psychologischen Denkart keine guten Gefühle aus dem Erfüllen eines Bedürfnisses, die nicht auch den Preis der (vorübergehenden) Frustration des polaren Gegenbedürfnisses mit sich bringen. Deswegen kommt es, wenn man sich mit sich und anderen wohlfühlen möchte, neben der Fähigkeit zum Genießen ebenso auf Regulationskompetenz, Spannungstoleranz und Frustrationstoleranz an.

Quelle: Metatheorie der Veränderung

Mit dieser Rahmung lässt sich die Situation des Menschen in einer durch Digitalität gekennzeichneten Welt gut rekonstruieren und es ergeben sich interessante Konsequenzen für die Gestaltung von Coaching, Training, Unterricht etc.

Vortrag auf dem DBVC Coaching Kongress 2018:

Ein Nest im Netz und ein Raum im Schaum? Sechs sperrige Thesen zur Psychodynamik der Unbehaustheit

 

 

 

 

 

 

 

 

https://metatheorie-der-veraenderung.info/wp-content/uploads/2017/04/Psychodynamik-der-Unbehaustheit.pdf

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