„Es selbstet“ – 8 Leitprozesse der Persönlichkeit

In Beratung, Coaching bzw. bei Lern- und Veränderungsprozessen im Allgemeinen sind immer psychische Prozesse im Spiel. Für professionelles Handeln ist es daher zentral, eine explizite – i.S.v. theoretische – Vorstellung binsichtlich der „Architektur“ eben dieser Prozesse zu entwickeln.

Wenn sich nun ein prominenter Vertreter eines neurobiologischen Determinismus wie Gerhard Roth mit Coaching und Beratung auseinandersetzt, so ist das spannend. Kann es aus dieser wissenschaftlichen Perspektive heraus gelingen, konstruktive Perspektiven für eine Tätigkeit zu entwickeln, deren wesentlicher Referenzpunkt doch gerade die Selbstbestimmung, die Ermöglichung von Handlungsfreiheit ist? ich war skeptisch. Wie soll ein Theorierahmen, der der Möglichkeit eines Handelns in – nicht einmal bedingter – Freiheit eine Absage erteilt, geeignet sein, Orientierung für die Entwicklung von Autonomie, Selbstreflexion und ein verantwortliches Handeln des Menschen zu bieten?

Im Sammelband „Coaching und Beratung in der Praxis: Ein neurowissenschaftlich fundiertes Integrationsmodell“ irritierte nun schon der erste Beitrag von Klaus Eidenschink meine Erwartung reduktionistischer Einlassungen zu neuronal determinierten bzw. unbewusst verlaufenden Entscheidungsprozessen, die dann letztlich auch die Ich-Illusion hervorbringen sollen.

Stattdessen präsentiert Eidenschink einen integrativen Ansatz (Titel des Kaptels: “ Ohne Integration ist alles nichts – Skizze einer Metatheorie der Psychodynamik“), bei dem er Persönlichkeit in Abgrenzung zu einem Eigenschaftsmodell so konzeptionalisiert, dass sie als „rekursives, kontinuierliches Bündeln von Entscheidungen“ verstanden werden kann. Und diese Entscheidungen sind seiner Ansicht nach prinzipiell umentscheidbar. Sympathisch.

Er macht acht Entscheidungsalternativen ausfindig, die bearbeitet werden müssen (alltäglich, aber auch in Coaching und Beratung bzw. Therapie), um eine stabile Selbstregulation zu gewährleisten. Er fokussiert das psychodynamische Geschehen auf acht Fragestellungen (Leitprozesse). Und das ist hilfreich für die Gestaltung von Settings, in denen Veränderung ermöglicht werden soll. Eine idealistischen Allmacht der Vernunft verneint auch Eidenschink.

Versteht man systemtheoretisch die Seele als Selbstregulationsvorgang, dann verabschiedet man sich von der Idee eines wesenhaften »Selbst« mit definierenden Eigenschaften. Stattdessen kommt man zur theoretischen Vorstellung von »Es selbstet«! Schon an der im Deutschen eigentlich nicht vorgesehenen Wortwahl zeigt sich, wie unvertraut diese Denkweise ist. In einer systemtheoretischen Konzeption erscheint »die« Psyche – auf hier nur andeutbare Weise – als ein Vorgang, ein Werden, ein Geschehen, das sich selbst erzeugt, erhält und stabilisiert, und deren Outputs zum ständigen Input werden

Die für psychische Stabilität und Selbstregulationsfähigkeit konstitutiven Entscheidungsalternativen müssen aber eben nicht nur bearbeitet werden, sondern können auch bearbeitet werden. Vernunft und Kognition, Wille und (zumindest bedingt) freies Handeln finden sich hier wieder, aber eben nicht als übergeordnete Steuerzentren, sondern „auf Augenhöhe“ mit Emotionen, Wahrnehmungen, Haltungen und systemischen Mustern.

Die acht Entscheidungsprozesse, die kontinuierlich miteinander wechselwirken, sollten in Beratung und Coaching beachtet werden und Interventionen daraufhin ausgewählt werden, welche Leitprozesse sie jeweils adressieren.

Die acht leitprozesse im Überblick:

(1) Wird eine Situation handelnd gestaltet oder betroffen erlebt? (= Leitprozess Selbstverantwortung)

(2) Werden Gedanken, Emotionen und Impulse bewusst zugelassen oder unbewusst belassen oder gehalten? (= Leitprozess Bewusstsein)

(3) Wird inneres Erleben prägnant oder diffus gespürt? (= Leitprozess Selbstwahrnehmung)

(4) Wird das innere Erleben im äußeren Ausdruck gezeigt oder wird es verborgen? (= Leitprozess Selbstausdruck)

(5) Wird ein Bedürfnis gefördert oder wird es gehemmt? (= Leitprozess Bedürfnisregulation)

(6) Wird ein inneres Erleben bejaht oder verneint? (= Leitprozess Akzeptanz)

(7) Wird auf ein äußeres Ereignis reagiert oder wird es ignoriert? (= Leitprozess Resonanz)

(8) Werden Erlebnisse plausibilisiert oder im Unplausiblen gehalten? (= Leitprozess Verstehen)

Diese Fragestellungen können meines Erachtens hilfreich sein, um Muster des Erlebens und Verhaltens zu identifizieren und Ansatzpunkte für eine Musterunterbrechungen zu finden.  Diese Musterwechsel können dann zu erweiterten Wahl-/ Entscheidungsfreiheiten (in Bezug auf eben diese persönlichkeitsbildenden Leitthemen) führen. Und damit zu gelingender )Selbst-)Veränderung.

 

 

 

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