Kreativität: „Steal like an Artist“

Kreativität. Sie rangiert ganz oben auf den einschlägigen Ranglisten der Kompetenzen, die wir brauchen. Das ist intuitiv verständlich. Konsensfähig. Wie überhaupt die Vielzahl an Kompetenzmodellen konsensfähig ist. Jedenfalls vom Grundsatz her. Wer würde schon bestreiten, dass Kreativität, Kommunikation, Kritisches Denken und Kollaboration (4K-Modell) wichtig sind – für die persönliche Lebensführung und den beruflichen Erfolg.

An Anforderungskatalogen mangelt es nicht. Diese allein, und seien sie auch noch so sorgfältig operationalisiert, reichen nicht hin, um ein Verständnis zu entwickeln, was es bedeutet kreativ, kritisch, kommunikativ und kollaborativ zu sein. Zu sein. Irgendwie scheint da etwas Existenzialistisches hineinzuspielen. Vielleicht geht es ja doch nicht nur um beobachtbares Verhalten (eben die operationalisierbare Oberfläche), sondern um eine bestimmte Seinsweise. Eine Art sich zur Welt, zu anderen Menschen und zu den Dingen in Beziehung zu setzen. Und schon befindet man sich mitten im Thema Bildung.

Im aktuellen Kompetenzdiskurs begegnet einem diese existenzielle Tragweite von Kompetenzmodellen in der – wie ich finde – passenden und orientierenden Definition von Kompetenzen als „Fähigkeit, selbstorganisiert und kreativ zu handeln“. (u.a.: hier)

Wie ist es, so zu sein? Einen wunderbaren Einblick in die Praxis des Kreativseins gibt das Buch von Austin Kleon:

Steal like an Artist: 10 Things Nobody Told You about Being Creative

(In der deutschen Fassung: Alles nur geklaut: 10 Wege zum kreativen Durchbruch)

Der englische Titel drückt aus, dass es bei Kreativität um eine spezifische Seinsweise – ein bestimmtes „Sein zur Welt“ (Merleau-Ponty) geht. Gelesen habe ich aber dann doch die deutsche Fassung …

Randbemerkung: Wir sind gewohnt Kreativität und Gewohnheit gegeneinander auszuspielen. Und schon tappt man wieder in die Falle einer Oberflächenbetrachtung, oder in die Zumutung der „Sei Kreatriv!“ – Paradoxie. Phänomenologisch macht es wenig Sinn Gewohnheit und Kreativität auseinander zu dividieren. Hierzu sei zur Vertiefung der Klassiker „Phänomenologie der Wahrnehmung“ von Merleau-Ponty empfohlen. Hier beschreibt der Autor Gewohnheit als „Ausdruck unseres Vermögens, unser Sein zur Welt zu erweitern oder unsere Existenz durch Einbeziehung neuer Werkzeuge zu verwandeln“ (Phänomenologie der Wahrnehmung, S. 173).

Unser Sein zu Welt zu erweitern – Das klingt nicht gerade schmissig, drückt für mich aber ein schönes Bildungsziel aus. Und Austin Kleon beschreibt unterschiedliche Sichtweisen und Gewohnheiten wie dies gelingen kann. Gewohnheiten, die Kreativität freisetzen.

Leicht und humorvoll beschreibt er in 10 Kapiteln seine persönlich erprobten Wege zur Kreativität. Dabei kommt die Alltäglichkeit von Kreativität gut zum Ausdruck. Es gelingt Kreon, die Aufgabe kreativ zu sein nicht alarmistisch und dramatisierend zu inszenieren. Im Gegenteil tritt für ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Schaffenskraft ein. Er beschreibt Annahmen, Rahmenbedingungen und Handlungsweisen, die Kreativität ermöglichen. Sie lauten:

  1. Das Beste ist geklaut.
  2. Warte nicht erst, bis du weißt, wer du bist.
  3. Schreib das Buch, das du selbst gern lesen möchtest.
  4. Benutze deine Hände.
  5. Du brauchst Hobbies und Nebenprojekte.
  6. Das Geheimnis: Mach gute Arbeit und teile sie mit anderen.
  7. Geografie ist kein Hindernis mehr.
  8. Sei nett. (Die Welt ist ein Dorf.)
  9. Sei langweilig. (Nur so kommst du mit deiner Arbeit voran.)
  10. Kreativität heißt Beschränkung.

Kleon betont die Bedeutung der Bezugnahme auf bereits Bestehendes („Nichts ist vollkommen ursprünglich“). Das entlastet vom Druck stets etwas völlig Neues zu schaffen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie ich mich auf bereits Geschaffenes angemessen beziehe. Das ist eine Kernfrage in Bildungszusammenhängen. Oder sollte zumindest eine sein. Besonders in einer Kultur der Digitalität, in der Referentialität ein wesentliches Merkmal ist.

Die folgenden Zitate stammen aus: Kleon, Austin. Alles nur geklaut: 10 Wege zum kreativen Durchbruch – Am Puls der Zeit – New York Times Bestseller – (German Edition) . Mosaik. Kindle-Version.

#Bildung

Schule ist eine Sache. Bildung eine andere. Beide müssen nicht unbedingt zusammenhängen. Ob du in der Schule bist oder nicht, du solltest dich immer um Bildung kümmern. (Position 150)

#Kopieren

Niemand wird mit einem Stil oder einer Stimme geboren. Wir kommen nicht auf die Welt und wissen gleich, wer wir sind. Am Anfang lernen wir, indem wir so tun, als wären wir wie unsere Helden. Wir lernen, indem wir kopieren. Wir reden hier vom Kopieren als Üben, nicht vom Plagiieren – Plagiieren heißt, die Arbeit eines anderen als die eigene auszugeben. Kopieren ist umgekehrtes Entwickeln. Wie wenn ein Mechaniker ein Auto auseinandernimmt, um zu sehen, wie es funktioniert. (Position 226)

#eigeneWelt

Franz Kafka schrieb: »Es ist nicht notwendig, dass du aus dem Haus gehst. Bleib bei deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor dir winden.« Kafka wurde hundert Jahre vor dem Internet geboren!. (Position 490)

#Beschränkung

Eine kreative Blockade überwindet man am einfachsten, indem man sich selbst eine paar Einschränkungen auferlegt. Es scheint widersprüchlich, aber wenn es um kreative Arbeit geht, bedeuten Einschränkungen Freiheit. (Position 693)

Und zum Schluss meine Lieblingsillustration aus diesem Buch:

Projekt

 

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