„Arbeit am Lebendigen“ – Impulse des Metzgers

Selbstorganisation ist ein aktuell sehr beliebter Begriff. Allerdings wird er häufig als Beschreibung eines bestimmten Lern- und Arbeitssettings („Da kann man selbstorganisiert lernen/ arbeiten“) oder zur Beurteilung von Persönlichkeits- bzw. Kompetenzmerkmalen („Manche Menschen sind einfach nicht in der Lage/ können nicht selbstorganisert lernen/ arbeiten“) verwendet. Beide Verwendungsweisen gehen am Wesen der Thematik vorbei. Christoph Schmitt hat kürzlich in kompakter und überzeugender Weise dargelegt, dass Selbstbestimmung bzw. Selbstorganisation immer schon Merkmale des Lernens sind, und eben nicht erst didaktisch konstruiert werden müssen. Hier entlang bitte:

Bitte lernen lassen. Danke.

Es zeigt sich, dass grundlegende Erkennsnisse zur conditio humana nicht den Weg in das Bildungssystem finden. Wie wäre es also, Autonomie nicht als Ziel pädagogischen Bemühens, sondern als dessen Voraussetzung zu betrachten?

Zu einem solchen Perspektivwechsel hat schon 1962 der Gestaltpsychologe Wolfgang Metzger in seinem Buch  „Schöpferische Freihet“ eingeladen. Dort beschreibt er „Kennzeichen der Arbeit am Lebendigen“. Er definiert Merkmale, in denen sich diese Arbeit mit Menschen, Tieren, Pflanzen von einer Arbeit an totem Material unterscheidet. Wer der Meinung ist, dass diese Unterschiede evident auf der Hand liegen, der sei ermuntert, diese im Folgenden knapp skizzierten Merkmale zur Beobachtung gängiger Lehr-/ Lernsettings heranzuziehen.

Merkmal 1: Nichtbeliebigkeit der Form

Metzger zufolge kann man Lebendigem „auf die Dauer nichts gegen die eigene Natur aufzwingen“. Vielmehr „kann nur zur Entfaltung bringen, was schon in dem ‚Material’ selbst als Möglichkeit angelegt ist“ (Metzger 1962, 20)

Merkmal 2: Gestaltung aus inneren Kräften

„Die Kräfte und Antriebe, die die angestrebte Form verwirklichen, haben wesentlich in dem betreuten Wesen selbst ihren Ursprung“ (a.a.O., 23). Und: „Von Dauer sind im Bereich des Lebendigen nur solche Formen, die durch die Entfaltung innerer Kräfte sich bilden und ständig von ihnen getragen und wiederhergestellt werden“ (a.a.O., 26).

Merkmal 3: Nicht-Beliebigkeit der Arbeitsgeschwindigkeit

„Das lebende Wesen kann nicht beliebig auf seine Pflege warten […] Es hat vor allem auch seine eigenen fruchtbaren Zeiten und Augenblicke, in denen es bestimmten Arten der Beeinflussung, der Lenkung oder deren Festlegung zugänglich ist. […] Wer mit lebenden Wesen umgeht, muss also in viel höherem Maß als der Macher geduldig warten können, andererseits aber, wenn der rechte Augenblick heranrückt, ohne Zögern bei der Hand sein“ (27).

Merkmal 4: Nicht-Beliebigkeit der Arbeitszeit

Wachsen, Reifen, Überstehens einer Krankheit als Beispiele von Lebensprozessen haben ihne jeweils eigentümliche Ablaufgeschwindigkeit. Diese lässt sich nicht beliebig beschleunigen.

Merkmal 5: Duldung von Umwegen

„Wer mit der Pflege, dem Aufziehen und der Erziehung von lebenden Wesen zu tun hat, muss überall dort Umwege in Kauf nehmen, wo diese bei der Entwicklung dieses Wesens in seiner Natur angelegt sind“ (a.a.O., 30).

Merkmal 6: Wechselseitigkeit des Geschehens

„Das Geschehen beim Pflegen … ist wechselseitig. Es ist im ausgeprägten Fall ein Umgang mit ‚Partnern des Lebens’“ (a.a.O., 33).

Worum geht es also?

Es geht um das Schaffen von Rahmenbedingungen, die

  • die Autonomie des Anderen respektieren
  • Angebote der Aufmerksamkeitsfokussierung machen
  • das Erleben von Kompetenz bzw. Wirksamkeit durch „eigenwilliges“ Handeln ermöglicht.

Kurz: Es geht um lebensfreundliche Umgebungen.

Literatur:

Metzger, Wolfgang (1962): Schöpferische Freiheit. Frankfurt: Waldemar Kramer.

 

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