Der Computer verschwindet! Ein etwas anderer Blick auf das Phänomen.

„Das Intuitive ist das Unsichtbare.“ (Roberto Simanowski)

Die Allgegenwärtigkeit der digitalen Transformation – Das ist das Thema, um das sich viele Diskurse ranken. Optimisten streiten mit Pessimisten, Agnostiker mit hellsichtigen Zukunftsforschern. Was selten ist: Ein phänomenologicher Blick. Unaufgeregt, unideologisch, aber konsequent „auf die Sache“ bezogen.

„Wir wollen auf die „Sachen selbst“ zurückgehen.“ (Husserl 1901) Diesen kernigen Satz formulierte HUSSERL zur Kennzeichnung seines phänomenologischen Programms. Er verweist auf eine Haltung den Dingen und der Welt gegenüber, die auch manch zeitgenössischem Diskurs gut täte. Nach HEIDEGGER handelt es sich bei der Phänomenologie um eine Haltung, die uns dazu herausfordert, „das was sich zeigt, so wie es sich von ihm selbst her zeigt, von ihm selbst her sehen (zu) lassen“.

Am Beispiel abstrakter Kunst lässt sich dieser spezielle Blick verdeutlichen:

Das Beitragsbild ist ein echter Kandinsky. Es trägt den Namen „Auf Weiß II“ und verfügt in seiner Eigenart als abstraktes Werk über keinen Gegenstandsbezug, der über das Bild selbst hinausreicht. Es gibt nur eine Wirklichkeitsebene: die Bildrealität. Dadurch tritt die Darstellung selbst, treten die Farben und Formen – wenn man so will: die „Sachen selbst“ – in Erscheinung.

Robero Simansowski kommt im (phänomenologischen) Wortsinn „zur Sache“.

Mit seinem Buch „Stumme Medien – Das Verschwinden der Computer aus Bildung und Geellschaft“ gelingt es ihm, eine Brücke zu schlagen zwischen der immanenten Funktionslogik von Medien, ihrer form-gebenden Kraft für Kommunikation, Menschen und Gesellschaft und den daraus abzuleitenden Bildungsaufgaben.

So wie wir die Regeln der eigenen Sprache nicht wahrnehmen, sondern sprachliche Regeln für uns erst beim Erlernen einer fremden Sprache ins Bewusstseinsfeld rücken, so entziehen sich auch der Computer bzw. soziale Netzwerke durch seine/ ihre alltägliche Unmittelbarkeit und Selbstverständlichkeit unserer Aufmerksamkeit.

Jenseits stabiler und unhinterfragter Routinen der Anwendung wird das Funktionieren kaum hinterfragt. „Die Gegenwart des Mediums verliert sich in seiner unmittelbaren Nähe“ (Pos. 233).

Eine andere Metapher ist das „Fenster, durch das wir schauen, ohne es selbst wahrzunehmen“ (ebd.). Wie bei gegenständlicher Kunst (im Gegensatz zum Kandinsky), bei der wir nicht die Farben sehen, sondern z.B. die Mona Lisa, so richten wir nach Simanowski im Falle des Computers unsere Aufmerksamkeit auf die Inhalte statt „auf die materiellen Voraussetzungen des Zugriffs“ (Pos. 237).

Das kommt einer „Ablenkung vom Medium selbst und seiner kulturstiftenden Wirkung“ (ebd.) gleich. Diese stellt Simanowski ins Zntrum seiner differenzierten Auseiandersetzung mit den Medien. Er bahnt auf diese Weise auch einen Blick auf Medienbildung, die sich nicht mit dem effektiven und reibungslosen Einsatz begnügt (i.S. einer handlungsorientierten Medienbildung), sondern – Gruß von Mcluhan – auch ihre Botschaft diskutiert (reflexionsorientierte Medienbildung).

Sowohl die gesellschaftlichen Funtionen als auch kultureullen Konsequenzen geraten damit in den Blick.

Besonders symphatisch: Simanowski macht eine geisteswissenschaftliche Position stark: „Der spezifische Gegenstand der Geisteswissenschaften (das Leben der Menschen in der Welt) qualifiziert diese zur Auskunft auch über das Verhältnis der Menschen zur Technik und zur Rückkoppelung des Menschlichen an technische Entwicklungen im Sinne eines gesellschaftlichen Kontrolldiskurses und einer »Ethisierung der Technik«.“ (Pos. 271)

Ein paar persönliche Highlights aus dem Buch:

#Reden

„Sowohl in der Schule als auch an den Universitäten darf der vermehrte Einsatz der neuen Medien – als Unterrichtsmittel und Forschungsinstrument – nicht das Reden über sie verdrängen. Man muss aufhören, mit so vielen Worten zum Wer und Wo und Wie der neuen Medien über ihr Woher, Warum und Wohin zu schweigen.“ (Pos. 255)

#Reflexion

„Zugleich wird deutlich, dass die Reflexion der stattfindenden Transformationsprozesse über die Frage hinausgehen muss, wie sich mittels technischer und menschlicher Zensoren Falschmeldungen erkennen und Hassreden entfernen lassen. Will man nicht bei der Symptombekämpfung stehen bleiben, muss man sich der Einsicht stellen, dass die Popularität der Falschnachrichten kein Betriebsunfall des Internets ist, sondern seine logische Konsequenz, auf die es nicht mit Regulierungsmaßnahmen zu antworten gilt, sondern mit Bildungsanstrengungen.“ (Pos. 314)

#Praktiken und #Erwartungen

„Die Annahme, dass die Nutzer für die Folgen dieser Produkte verantwortlich sind, ist jedoch schwer durchzuhalten, wenn die Technik durch ihre Funktionsweise soziale Normen setzt, indem beispielsweise die Anzeige des Empfangs einer Nachricht in Textmessenger-Applikationen (WhatsApp, Threema) auf eine umgehende Antwort drängt. Wer da einwendet, niemand sei gezwungen, einen Textmessenger zu verwenden oder einer Textnachricht sofort zu antworten, verkennt, dass bestimmte technische Möglichkeiten bestimmte gesellschaftliche Praktiken mit sich bringen, die wiederum bestimmte Erwartungen erzeugen.“ (Pos. 392)

#Erzähltheorie

„Was Facebooks Botschaft betrifft, so lässt sich diese verschiedentlich ausdifferenzieren. In psychologischer Hinsicht delegiert man das, was einem geschieht, per Mitteilung an die Freunde des Netzwerkes und hilft sich so gegenseitig, die innere Leere im Angesicht all der aufregenden Erlebnisse zu kaschieren. Aus erzähltheoretischer Perspektive lässt sich festhalten, dass durch die weniger narrativ reflektierte als spontan episodisch und dokumentarisch vollzogene Selbstdarstellung eine quasi automatische und posthumane Autobiografie entsteht, deren zentrale Erzählinstanz das Netzwerk und der Algorithmus sind.“ (Pos. 419)

#Hinausgehen über das #Offensichtliche

„Eine Medienbildung, die über die Feststellung des Offensichtlichen hinausgehen will, zielt auf die Analyse dieser Logik sowie ihrer ökonomischen Gründe und sozialen Folgen.“ (Pos. 425)

#Klick-Kultur

„Die zunehmende Aggressivität des politischen Meinungsaustausches in sozialen Netzwerken hat ihre Vorgeschichte im Unscheinbaren; der derbe Wir/sie-Dualismus ohne Platz für Zwischentöne ist eine Folge der Klick-Kultur, in der Stellungnahmen auf das Entweder-oder eines Like- oder Dislike-Buttons und damit up- oder downvoting orientiert sind. Das Verfahren wird in jeder noch so unpolitischen Interaktion eingeübt, wenn man, im Fahrstuhl, auf der Toilette oder auf der Straße, schnell ein paar Likes und Dislikes vergibt: für Bücher, Filme, Fotos, Kochrezepte, Schminktipps, einen Zeitungsartikel oder ein Dating-Angebot. Zwar können Kommentare solch pauschaler Parteinahme entgegenwirken, aber nicht, wenn sie sich auf wenige Silben beschränken oder schnell ins Abwegige und Beleidigende entgleiten. Zudem verblasst ihre Anzahl fast immer gegenüber dem Klick-Urteil der Likes und Dislikes, das die binäre Opposition des Computers zu wiederholen scheint: 0/1, Ja/Nein, wahr/falsch, wir/sie.“ (Pos. 495)

#betriebseeigene Filterblase

„Fülle bringt Fülle, Erfolg führt zu Erfolg. Die Ironie dieser ›betriebseigenen‹ Filterblase des Numerischen ist zweifach: Zum einen verlagert die Demokratisierung des Abstimmungsverfahrens in den sozialen Medien die Urteilsfindung von der Reflexion zum Reflex. Zum anderen werden durch diese Demokratisierung zwar die etablierten Gatekeeper entmachtet, zugleich aber auch ihre Kritiker: Die Absetzung des einmal Etablierten ist kaum mehr durch Dekonstruktion und Gegendiskurs möglich, sondern erfolgt vor allem durch den Entzug von Aufmerksamkeit, wenn diese schließlich von neuen Beiträgen absorbiert wird.“ (Pos. 529)

#Wahrheit

„Entscheidend im Kampf gegen Populismus, Hassreden und Filterblasen ist, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass in politischer, ethischer oder religiöser Hinsicht mehrere, durchaus einander widersprechende Positionen ihre Berechtigung haben. Die Frage ist also viel grundsätzlicher zu stellen: Gibt es die Wahrheit? Haben alle ein Recht auf ihre Wahrheit? Die Demokratie – darin liegt die Paradoxie dieser Übung – wird nicht durch die Sicherung der Wahrheit gerettet, sondern durch deren Anfechtung.“ (Pos. 960)

#Dialektik

„Die neuen Technologien lassen sich nicht auf die Alternative Utopie oder Dystopie, Emanzipation oder Kontrolle, Maschinenstürmerei oder Technikfatalismus reduzieren. Die Digitalisierung der Gesellschaft ist ebenso paradox und regressiv wie ihre Modernisierung, die in der Sozialwissenschaft längst nicht mehr als normativer Fortschritt wahrgenommen wird, sondern als Fortschritt mit Rückschrittsaspekten.“ (Pos. 1003)

#Medienreflexionskompetenz

„Langfristig ist auf die Schulen und Universitäten zu setzen, in denen die Wertvorstellungen von morgen produziert werden. Sie sind der Ort, an dem Medienbildung in zweifacher Hinsicht stattzufinden hat: als Einübung von Mediennutzungskompetenz, die die Fertigkeit vermittelt, mit Medien zielsicher und effektiv umzugehen, vor allem aber auch als Herausbildung von Medienreflexionskompetenz, die das tiefere Verständnis für die kulturstiftende Funktion der Medien vermittelt.“ (Pos. 1090)

#Medialität

„Was in der Medienwissenschaft mit Bezug auf McLuhan als die Botschaft des Mediums verhandelt wird, erscheint im medienpädagogischen Diskurs gelegentlich unter dem Begriff der »Medialität«. Gemeint ist damit die »immanente Strukturiertheit« der Medien, aus der »soziale Realitäten (und nicht ›nur‹ subjektive Wirklichkeiten)« resultieren, die »in kulturelle und soziale Gefüge eingreifen« und damit »zugleich für kulturelle Subjektivierungspraxen relevant« sind.“ (Pos. 1299)

#Souveranität

„Die Sicherheit der Maschinen ist nur eines der Probleme, die mit dem Internet der Dinge, mit Industrie 4.0 und künstlicher Intelligenz auf uns zukommen. Ein weiteres ist die Souveränität des Menschen gegenüber den Maschinen.“ (Pos. 2724)

Man kann Simanowskis Reflexionen als kulturpessimistische Beschreibungen missverstehen.

Das pasiert aber nur dann, wenn keine Bereitschaft zu einer tieferen Auseinanderetzung v.a. auch mit Ambivalenzen der digitalen Medien besteht. Die Einsicht in diese Ambivalenzen und in Praktiken des Umgangs mit ihnen müssen aber erarbeitet werden. Sie entsziehen sich dem oberflächlichen – auf (bildungs-)technische Anwendung fokussierten  – Blick.

Deshalb: Genau hinblicken lohnt sich.

Immer.

Literaturhinweis:

Heidegger, Martin (1977): Sein und Zeit. Tübungen: Niemeier

Husserl Edmund (1901): Logische Untersuchungen, Zweiter Theil, Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis, 3, Max Niemayer, Halle a. S., Einleitung, §2, S. 7,

Koob, Dirk (2008). Sachen gibt’s …?! Ein Survival-Kit für angehende Phänomenologinnen und Phänomenologen [109 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(2), Art. 20, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0802202.

Simanowski, Roberto: Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft. Matthes & Seitz, Berlin

 

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