Netzwerke bilden: Beteiligung, Lernen und Digitalität.

Eine Vision von Bildung setzt eine Vision von Gesellschaft voraus. Eine Vorstellung davon, wie wir als Gemeinschaft von Menschen miteinander (oder gegeneinander oder nebeneinander her) leben wollen – und wie wir dieses „Leben“ gestalten. Das hat auch mit Organisieren zu tun. Es erschöpft sich aber nicht im Organisieren. Es geht dabei vor allem um Lernen.

Dieser Sichtweise von Christoph Schmitt stimme ich uneingeschränkt zu. Er zeichnet eine Skizze zur Zukunft des Lernens, in deren Zentrum Netzwerke stehen. Nachdem ich mich mit Felix Stalders „Kultur der Digitalität“ auseinandergesetzt und dabei vor Allem eine erweiterte Perspektive auf das Themenfeld „Digitalisierung“ erwerben konnte, blicke ich u.a. auch anders auf das Thema Netzwerke. Und auch das „alte Thema“ Beteiligung/ Partizipation erscheint in neuem Glanz.

Wie kommt’s?

In allen drei Bestimmungsmerkmalen der Kultur der Digitalität (Referentialität, Gemeinschaftlichkeit, Algorithmizität) leuchtet Stalder verschiedene Aspekte der gemeinschaftlichen Aneignung und Produktion von Kultur aus. Dabei ergeben sich Implikationen für Bildung. Stalder thematisiert diese bildungstheoretischen und -praktischen Konsequenzen nicht, entwirft aber eine Vision von Gesellschaft, die Hinweischarakter für alle hat, die sich fragen:

Wie sollten Bildungsprozesse jetzt und in Zukunft gestaltet sein?

Der Clou: Stalder entwirft nicht irgendein denkbares Szenario, sondern setzt an bereits gegebenen und längerfristig sich entwickelnden (kulturellen) Merkmalen an, gewissermaßen an bereits verwirklichten Elementen einer gesellschaftlichen Vision. Diese trägt dennoch etwas Unbestimmtes in sich: Stalder nennt es: „Richtungen des Politischen in der Digitalität“. Und wer sich mit Bildung beschäftigt, dem kommt schnell in den Sinn:

Bei dieser Richtungsbestimmung spielt Bildung eine wichtige Rolle.

Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität wurden zu den charakteristischen Formen der Kultur der Digitalität, weil sich immer mehr Menschen auf immer mehr Feldern und mithilfe immer komplexerer Technologien aktiv in die Verhandlung von sozialer Bedeutung einschreiben (müssen). Sie reagieren so auf die Herausforderungen einer chaotischen, überbordenden Informationssphäre und tragen zu deren weiterer Ausbreitung bei. Die Allgegenwart dieser Formen macht es sinnvoll, überhaupt von der Kultur der Digitalität im Singular zu sprechen.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen2963-2964). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Für Stalder zeichnen sich zwei paradigmatische Entwicklungsmöglichkeiten ab, die vor dieser komplexen kulturellen Formation bereits heute schon Gestalt gewinnen, wenn auch mit unterschiedlich starker Ausprägung:

  1. Postdemokratie
  2. Commons

Ich werde diese beiden Tendenzen nicht lang und breit beschreiben, sondern sie zum Ausgangspunkt nehmen, um zwei unterschiedliche Beteiligungspraxen zu umreißen, die bei der Bestimmung des eigenen professionellen Standpunkts zur Disposition stehen.

1. Postdemokratie

Mit diesem Label versieht Stalder die Veränderungen (politischer) Prozesse, die sich im Kern folgendermaßen beschreiben lassen: Statt von einer grundsätzlich offenen Zukunft auszugehen und dann gemeinsam darüber zu streiten, wie man nun dieser Zukunft begegnen/ sie gestalten sollte, werden Notwendigkeiten vordefiniert und verwaltet. Auch die Rhetorik der Alternativlosigkeit ist Ausdruck einer (politischen) Praxis, die „ohne Dissens über grundsätzliche Fragen“ auszukommen glaubt.

Diese Beschreibung lässt sich ohne viel Zutun auf andere Felder – auch die Bildung – übertragen.

Also mehr Beteiligung? Ist das die Lösung? Nicht notwendigerweise.

Als »postdemokratisch« bezeichne ich daher all jene Entwicklungen – gleich wo sie stattfinden –, die zwar die Beteiligungsmöglichkeiten bewahren oder gar neue schaffen, zugleich aber Entscheidungskapazitäten auf Ebenen stärken, auf denen Mitbestimmung ausgeschlossen ist. So entsteht eine dauerhafte Trennung zwischen sozialer Beteiligung und institutioneller Machtausübung.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen3040-3042). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Diese differenzierende Sicht auf Partizipation hat in der Pädagogik bereits eine längere Tradition (ausführlich: Partizipation_-_Diplomarbeit > A. Broszio).

Stalder verdeutlicht das Phänomen u.a. am Beispiel der sozialen Massenmedien (Facebook, Twitter, Linkedin …). Die wesentliche Diensleistung besteht dort in der Bereitstellung von Vernetzungsmöglichkeiten, so dass sich „problemlos gemeinschaftliche Formationen ins Leben rufen“ lassen. Informationen, Wissen und Ressourcen werden dort organisiert. Es etablieren sich „selbstdefinierte Praktiken“, Algorithmen sorgen dafür, dass die Orientierung nicht verloren geht.

Ist doch gut.

Ja. Und aus dem Blickwinkel der Frage nach der konkreten Beteiligungspraxis lohnt sich dennoch ein kritischer (unterscheidender) Hinweis:

Facebook und andere Betreiber kommerzieller sozialer Massenmedien haben durch technische, organisatorische und rechtliche Maßnahmen Strukturen geschaffen, in denen die Ebene, auf der die Nutzer miteinander interagieren, vollständig getrennt ist von jener Ebene, auf der die wesentlichen die Gemeinschaft der User betreffenden Entscheidungen gefällt werden. Die Nutzer haben keine Einflussmöglichkeiten auf die Ausgestaltung oder die Entwicklung der Bedingungen, unter denen sie handeln (müssen). Bestenfalls besteht noch die Möglichkeit, aus einem vorgegebenen Angebot auszuwählen, das heißt Optionen zu nutzen oder nicht zu nutzen. Take it or leave it.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Position3117). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Auch dieser Absatz lädt dazu ein, die Beteiligungspraxis im eigenen Wirkungskreis mal zu betrachten. (Für das Allgemeinbildende Schulsystem allerdings mit der Einschränkung, dass der letzte Satz nicht zutrifft.

Beteiligungspraxis 1: Alle können teilhaben und sich auch aktiv in vielfältiger Form einbringen. Nur sehr wenige treffen diejenigen Entscheidungen, die die Bedingungen für alle Beteiligten definieren.

2. Commons

Die Kultur der Digitalität bringt aber nicht nur postdemokratische Entwicklungen hervor, sondern eben auch gemeisnchaftliche Formationen, die sich kurz so beschreiben lassen:

Grundsätzlich Gleichberechtigte schließen sich freiwillig zusammen, um gemeinsame Ziele zu verfolgen.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Position3461). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Es bilden sich Institutionen, die eine Partizipation auch in Hinblick auf strukturelle Fragen ermöglichen. Die Bedingungen, unter denen gemeinschaftlich gehandelt wird, entziehen sich nicht der Gestaltbarkeit durch die beteiligten Menschen.

Commoners bilden Institutionen, wenn sie sich zusammenschließen, um die Nutzung einer Ressource langfristig gemeinschaftlich zu organisieren. Die ansonsten allgegenwärtige Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten spielt dabei keine bedeutende Rolle: Alle Commoners sind in unterschiedlichem und variablem Ausmaß Produzenten und Konsumenten der gemeinsamen Ressource. Aus dem Pool des Gemeinsamen etwas herauszunehmen, um es für sich zu nutzen, ist in Commons ein alltäglicher Vorgang. Ebenso selbstverständlich ist, dass dabei etwas entsteht, das in der einen oder anderen Form wieder in den allgemeinen Pool zurückfließt. Dieser Prozess – die Wechselwirkung zwischen der singulären Aneignung und der gemeinschaftlichen Bereitstellung – bildet eine zentrale Dynamik innerhalb von Commons.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen3478-3481). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Das ist sicher nichts bahnbrechend Neues, gleichwohl steht dahinter ein voraussetzungsvolles Paradigma der Gestaltung gemeinschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Lebens.

Da die Commoners ihr Handeln weder an Preissignalen (Markt) noch an Anweisungen (Hierarchien) orientieren, ist soziale Kommunikation unter den Mitgliedern das wichtigste Mittel der Selbstorganisation. Diese ist auf das Erzielen von Konsens und die freiwillige Akzeptanz der ausgehandelten Regeln ausgerichtet, denn nur so lässt sich der freiwillige Charakter erhalten und die Notwendigkeit der internen Kontrolle minimieren. Dementsprechend sind Abstimmungen, mit denen die Präferenzen einer Mehrheit legitimiert werden sollen, eher selten, und wenn sie stattfinden, kommt ihnen nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Im Zentrum steht die Konsensfindung, und diese ist meist ein kommunikationsintensiver, komplexer Prozess.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen3485-3489). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Und zur zunehmenden Bedeutsamkeit dieser Beteiligungspraxis:

Einer der Gründe, warum die sehr alte Praxis der Commons gerade jetzt neu aufgenommen und breit diskutiert wird, besteht darin, dass sich kommunikationsintensive und horizontale Prozesse mit den digitalen Technologien sehr viel effektiver organisieren lassen. So müssen Beteiligung und kollektive Organisation jenseits von Kleingruppen nicht mehr bloße Utopien bleiben.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen3489-3490). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Stalder beschreibt die Phänomene freie Software, Wikipedia und auch Neuausrichtungen etablierter Institutionen wie städtische Strom- und Wasserversorgung als Beispiele dieser Beteiligungspraxis.

Beteiligungspraxis 2: Die Menschen produzieren und verwalten gemeinschaftlich bestimmte Ressourcen. Dabei handeln sie Regeln aus. Kommunikation ist auf Konsens ausgerichtet.

Es ist offensichtlich, dass Beteiligung nicht voraussetzungslos möglich ist, sondern – wie andere kulturelle Grundfertigkeiten auch – gelernt werden muss.

In vielen Handlungsfeldern, besonders aber auch im pädagogischen Handlungsfeld führt das bisher Gesagte zu der Frage:

Welche Praxis von Beteiligung wollen wir gemeinsam lernen, üben und gestalten?

Wer sich – wie ich – verstärkt mit der Beteiligungspraxis 2 und den damit verbundenen Anforderungen an die Gestaltung von Lernprozessen beschäftigen möchte, dem empfehle ich die folgenden Ressourcen:

Netzwerke bilden: Das ist die Aufforderung eben dies zu tun.

Netzwerke bilden: Das ist zugleich die Feststellung, dass Netzwerke – unabhängig davon wie sie gestaltet sind – Bildungseffekte haben.

Welche das sind und welche das sein sollen?

Das dürften Kernfragen einer zeitgemäßen Bildungstheorie und -praxis sein.

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s