Alles in Ordnung? Früher war auch schon Algorithmus.

Beim Thema Lernen bzw. Veränderung geht es immer auch um den kulturellen Rahmen, in dem wir uns bewegen. Sei es, dass dieser uns Veränderungen nahelegt (im Bereich des Wahrnehmens, Denkens, Handelns), sei es, dass wir Ambitionen entwickeln, diesen Rahmen zu gestalten (Kritik an bestehenden Ordnungen, Entwicklung von Reformen etc.).

Wo also ansetzen?

Am Besten wir entwickeln zunächst eine differenzierte Wahrnehmung unserer alltäglichen Lebenswelt. Mir hat dabei jüngst der Ansatz von Felix Stalder geholfen, der die Kultur der Digitalität beschreibt.

Die Kultur der Digitalität zeichnet sich durch Merkmale aus, die unser aller Leben durchziehen. Diese nehmen ihren Ausgang von Entwicklungen, die zunächst nicht primär etwas mit technologischen Möglichkeiten zu tun hatten, sondern mit veränderten Denk- und Handlungsweisen.

Neben den schon kurz umrissenen Aspekten der Referentialität und Gemeinschaftlichkeit beschreibt Stalder die Algorithmizität als dritte bestimmende Praxisform der Digitalität.

Auch hier geht er grundsätzlicher an das Thema. Wesentlich grundsätzlicher als das weit verbreitete Bashing in Hinblick auf Filter- und Empfehlungsalgorithmen imstande ist. Die in diesem zeitgenössischen Framing regelmäßig aufgerufene These von der zunehmenden Unmündigkeit des Bürgers (bzw. Internetnutzers) durch das Wirken eben dieser Algorithmen bedarf einer kritischen Dekonstruktion.

Algorithmen (Was ist das eigentlich?) machen Menschen unmündig?

Da lohnt es sich zweimal (mindestens) hinzuschauen.

Zunächst kann ganz nüchtern festgestellt werden:

Ein Algorithmus ist eine Handlungsanleitung, wie mittels einer endlichen Anzahl von Schritten ein bestehender Input in einen angestrebten Output überführt werden kann: Mithilfe von Algorithmen werden vordefinierte Probleme gelöst.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen2210-2211). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Somit ist auch eine Ikea-Bauanleitung ein Algorithmus. Ebenso wie bestimmte – unhinterfragte Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsroutinen, die wir zur Anwendung bringen.

Typische Kennzeichen eines Algorithmus sind:

  1. klar definierter Input,
  2. eindeutige und konkrete Schritte,
  3. eine formale Sprache (z.B. Programmiersprache, oder auch die beliebten Ikea-Piktogramme in den Bauanleitungen),
  4. wiederholbare Abläufe
  5. mit immer demselben Resultat.

Mit zunehmender Rechnerleistung wurden dynamische Algorithmen möglich, „die sich halbautomatisch und auf der Grundlage von Feedback selbst verändern und bessern können.“ (Stalder)

Übergeordneter Sinn und Zweck von Algorithmen ist die Ordnungsbildung.

Durch Algorithmen generierte Ordnungen sind ein konstitutiver Bestandteil der Kultur der Digitalität. Zum einen ist die maschinelle Vorsortierung der (informationellen) Welt Voraussetzung dafür, überhaupt die riesigen unstrukturierten Datenmengen bewältigen zu können, zum anderen liefern diese großen Datenmengen und die Rechenzentren, in denen sie gespeichert und prozessiert werden, die materiellen Voraussetzungen, um immer komplexere Algorithmen zu entwickeln. Notwendigkeiten und Möglichkeiten treiben sich gegenseitig voran.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen2375-2378). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Dabei ist ein Trend erkennbar, der die Prognosefähigkeit in das Zentrum des Interesses rückt. Es geht nicht bloß darum, gegebene Informationen zu ordnen, sondern aufgrund großer Datenmengen die Zukunft vorwegzunehmen.

Google und andere Anbieter von Algorithmen erstellter Ordnungen setzen verstärkt auf diese Prognosefähigkeit ihrer Programme, um den verwirrenden und potenziell zeitaufwendigen Schritt der Suche obsolet zu machen. Das Ziel besteht darin, den im Akt des Suchens zum Ausdruck kommenden Bruch zwischen der Welt, wie sie jede einzelne Person erlebt – von Unsicherheit geprägt, denn Suchen impliziert, etwas »nicht zu wissen« –, und der von Algorithmen erstellten Ordnung – in der Gewissheit herrscht, weil schon alles wohlgeordnet ausgelegt ist – zu minimieren. Idealerweise sollen Fragen beantwortet werden, bevor sie gestellt werden.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen2477-2479). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Auf Grundlage vorhandener Daten können die künftigen Schritte eines Nutzers antizipiert werden und die für dieses jeweilige (errechnete) Vorhaben hilfreichen Informationen, auch ohne explizite Suchanfrage, bereitgestellt werden. Ein Beispiel dafür: Google Now.

Mit der Verbreitung und Veralltäglichung algorithmischer Prozesse der Ordnungsbildung kommt es zu einer Renaissence verhaltenspsychologischer Theorien, heute kann von einem „Daten-Behaviorimus“ gesprochen werden.

Für die Algorithmen sind Menschen Black Boxes, die rein über ihre messbaren Reiz-Reaktions-Beziehungen erfasst werden. Bewusstsein, Wahrnehmung oder Intention spielen für sie keine Rolle.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen2566-2568). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Kritisiert wurde bereits damals die mechanistische, reduktionistische und autoritäte Ausrichtung des Ansatzes, der die Subjektivität systematisch aus der Gleichung nimmt. Und diese Kritik lässt sich auch heute auf die Funktionsweise der immer ausgefeilteren Algorithmen anwenden, die uns „beobachten“, unsere Verhaltensweisen analysieren etc..

Dabei sollten wir aber nicht aus dem Blick verlieren, dass alles, was eben über Algorithmen gesagt wurde, auch auf uns selbst zutrifft. Auch der Mensch schafft – ganz ohne Technologie – auf der Basis verinnerlichter Orientierungen (Frames) in standardisierter Art und Weise Ordnung in seiner Welt.

Daher lohnt sich ein Perspektivenwechsel.

Anstatt die (vermeintlich) technologisch bedingte schleichende Unmündigkeit des Menschen ins Zentrum der Kritk stellen, lohnt es sich eine Zone der persönlichen Gestaltbarkeit zu betrachten, die beim Blick aufs rein Technologische unterbelichtet bleibt, gleichzeitig aber für die Qualität der Welt in der wir leben (weniger pathetisch ging grad nicht) aber maßgeblich ist:

Das eigene Wahrnehmen, Denken und Handeln.

Die Kritik der „fremden“ Algorithmen lenkt vom Beobachten der eigenen Algorithmen ab. Das Hinterfragen der selbstgemachten – Kant würde vielleicht sagen selbstverschuldeten – Algorithmen: das dürfte der einzige Weg zur aufgeklärten Sicht auf bzw. in die Welt sein.

Für eine zeitgemäße Bildung bedeutet das (man könnte fast sagen: nach wie vor) insbesondere folgende Fragen an die eigenen Algorithmen zu richten:

  • Welches Problem beschäftigt mich gerade?
  • Wer hat es warum wie vordefiniert?
  • Sollte ich es umdefinieren?
  • Verstehe ich es richtig?
  • Welche Fragen sollte ich stellen?
  • Wie gehe ich mit meiner unvermeidbaren Unsicherheit um?
  • Mit wem muss ich kommunizieren, um zu wissen, was der Fall ist?
  • Was soll rauskommen?
  • Was muss ich können bzw. lernen, um das Ziel zu erreichen?
  • to be continued …

Viel Spaß beim Hacken der persönlichen Algorithmen.

Auch wenn es erstmal Unordnung bedeutet.

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Alles in Ordnung? Früher war auch schon Algorithmus.

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