Einsam im Digitalen? – Im Gegenteil!

Weiter geht’s. Ein paar Memos und Ideen.

Felix Stalder beschreibt grundlegende Formationen einer Kultur der Digitalität. Zur Referentialität tritt in seiner Analyse die Gemeinschaftlichkeit.

Sein kulturwissenschaftlicher Blick auch auf dieses Strukturmerkmal hilft dabei, größere Zusammenhänge zu sehen. Erwartungsgemäß kommt dabei mehr zum Vorschein, als das Herumdenken auf Thesen wie „Digitale Medien machen einsam“ hergibt.

In der kulturpessimistischen Lesart (z.B. hier: Allein, allein. Wie die Nutzung sozialer Medien uns einsam macht) forcieren digitale Medien den Prozess der Vereinzelung des Menschen. Logische Konsequenz ist die Forderung, mal wieder „echte“ Kontakte zu pflegen und die Werbung für  »digital detox«-Programme.

Auch Manfred Spitzer hat kürzlich das Thema Einsamkeit für seine Kritik der Mediennutzung entdeckt. In seinem Buch identifiziert er die Urbanisierung und zunehmende Nutzung sozialer Medien als maßgebliche Ursachen von Einsamkeit. Digitalisierung befördere Unzufriedenheit, Depression und Einsamkeit. Zudem nehme die Fähigkeit zum Perspektivwechsel ab. Damit, so könnte man seine Argumentation überspitzt weiterführen, zerstören digitale Medien die Basis der Gesellschaft, die nach prominenter Meinung einiger Hauptakteure der Soziologie (u.a. Max Weber) in der Intersubjektivität bzw. im sozielen – aufeinander bezogenen – Handeln besteht. (Eine kritische Auseinandersetzung mit der „Methode Spitzer“ findet sich hier)

Geht es auch weniger dramatisch?

Ja.

#digitalpositivity – im Sinne Philippe Wampflers – normalisiert den Umgang mit digitalen Medien. Diese Perspektive lässt sich mithilfe von Stalders Rekonstruktion der gesellschaftlichen Entwicklung untermauern und plausibilisieren.

Ja, es gibt sie, die Individualisierung.

Sie ist aber eingebettet in einen größeren sozialen Zusammenhang, und hier ist besonders eine anthropologische Prämisse bedeutsam:

Sich als Einzelner in einer komplexen Umwelt zu orientieren ist unmöglich. Bedeutung wie auch Handlungsfähigkeit können nur im Austausch mit anderen entstehen, sich festigen und wandeln. Das ist nichts Bemerkenswertes, Menschen sind biologisch und kulturell soziale Wesen.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1756-1758). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Stellt sich die Frage, in welchen konkreten Konstellationen der Einzelne seine Orientierung und Handlungsfähigkeit sichert.

Was sich historisch verändert, ist, wie Menschen in größere Zusammenhänge eingebunden sind, wie Austauschprozesse organisiert und welche Erwartung an jeden Einzelnen gestellt werden, um sich als vollwertiger Teilnehmer an diesen Prozessen konstituieren zu können.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1758-1759). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Das klingt ja schon gleich weniger dramatisch, wenngleich seit 1986 durch Ulrich Beck die Individualisierung als Schlüsselbegriff des soziologischen Mainstreams stark gemacht wird.

In der Rezeption dieser Modernisierungstheorie wird aber ein Aspekt häufig nicht beleuchtet. Der Spot ist oft auf die Erosion traditioneller gemeinschafts- und identitätsstiftender Institutionen wie Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Vereine etc. gerichtet. Der Einzelne erscheint als auf sich zurückgeworfen, bindungslos, vereinzelt und die Last der biografischen Gestaltung alleinig tragend. Ist man nicht gerade überzeugter Existenzialist und liest gerne Sarte, so ist das doch eine recht ernüchterne Diagnose.

Hier hilft es zur Kenntnis zu nehmen, dass sich „neue Formen der Gemeinschaftlichkeit“ herausbilden.

Wie lassen sich nun diese „neuen Arten der Gemeinschaftlichkeit“ fassen?

Sie entstehen in einem Praxisfeld, geprägt durch informellen, aber strukturierten Austausch, sind fokussiert auf die Generierung neuer Wissens- und Handlungsmöglichkeiten und werden zusammengehalten durch die reflexive Interpretation der eigenen Praxis.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1844-1846). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Und weiter:

Das gemeinsame kontinuierliche Lernen, Einüben und Orientieren, der Austausch zwischen »Novizen« und »Experten« auf dem gemeinsamen Feld – sei das nun Netzpolitik, illegale Straßenrennen, rechtsextreme Musik, Körpermodifikationen oder eine freie Enzyklopädie – dienen dabei dazu, den Rahmen der geteilten Bedeutung aufrechtzuerhalten, das konstituierte Feld zu erweitern, neue Mitglieder zu rekrutieren und den Interpretations- und Handlungsrahmen sich verändernden Bedingungen anzupassen.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1857-1860). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Keine Spur von Einsamkeit.

Keine Spur von Verlust an Bindungen.

Im Gegenteil.

Es lassen sich Gewinne für den Einzelnen dingfest machen:

Weil sich die Mitglieder freiwillig zur Teilnahme an der Gemeinschaft entscheiden, werden ihre Äußerungen und Handlungen als authentisch angesehen, denn, so die implizite Annahme, mit ihnen folgen sie nicht den Anweisungen anderer, sondern dem eigenen Antrieb. Der Einzelne agiert nicht als Repräsentant anderer oder als Funktionsträger einer Organisation, sondern als Privat- beziehungsweise als singuläre, das heißt einzigartige Person.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1906-1909). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Für eine zeitgemäße Bildung heißt das, Räume zu schaffen, in denen erprobt werden kann, wie es ist, sich als Person in die gemeinschaftliche Aushandlung von (kultureller) Bedeutung einzubringen.

Ein didaktisches Paradigma, das diesem Bildungsziel besonders zugeneigt ist, ist das von Jean-Pol Martin entwickelte didaktische Paradigma „Lernen durch Lehren„.

Hier findet genau das statt, was Stalder als zentrale Funktionen von gemeinschaftlichen Formationen definiert:

  • Auswahl,
  • Interpretation und
  • Konstitution von Handlungsfähigkeit.

In diesem Zusammenhang sind digitale Medien dann nicht mehr Katalysatoren der Vereinsamung, sondern hilfreiche Werkzeuge zur (neuen) Vergemeinschaftung.

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2 Gedanken zu “Einsam im Digitalen? – Im Gegenteil!

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