Beziehungs-Weise: Referentialität als Form der Digitalität

Ob und wie sich der Mensch auf Etwas oder Jemanden bezieht – seine Beziehungs-Weise – ist eine kulturelle Angelegenheit.

In seinem Buch „Kultur der Digitalität“ unternimmt Felix Stalder etwas sehr Wichtiges. Etwas, das dem Diskurs rund um die sogenannte digitale Transformation und die „digitale Bildung“ zumeist fehlt: Eine grundlegende Bestimmung unterschiedlicher Aspekte der gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung.

Und dabei steht nicht wie so oft die digitale Technologie im Vordergrund, in Form von Technikbegeisterung oder -abwehr. Stalder versteht den kulturellen Wandel, der meiner Ansicht nach zentraler Bezugspunkt pädagogischer Überlegungen sein sollte, in einem umfassenderen Rahmen.

[E]rst heute, wo die Faszination für die Technologie abgeflaut ist und ihre Versprechungen hohl klingen, wird die Kultur und Gesellschaft in einem umfassenden Sinne durch Digitalität geprägt. (S. 20)

Stalder schließt sich der These von Clay Shirky an, nach der Kommunikationsmedien erst dann wirklich interessant werden, wenn sie technisch langweilig werden. Demenstprechend nimmt er die „Präsenz der Digitalität jenseits der digitalen Medien“ in den Blick.

Wie sieht nun die „spezifische kulturelle Umwelt aus“, die sich im Laufe der historischen – und zunehmend auch technologischen – Entwicklung herausgebildet hat?

Stalder beschreibt drei kutlurelle Fomen der Digitalität: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Es bietet sich an, diese übergreifenden Bestimmungsmerkmale als Orientierungsrahmen zur Ableitung von Konsequenzen für das jeweils interessierende pädagogische Handlungsfeld zu verwenden. Das hat den charmanten Vorteil, dass nicht mehr die Pro- und Contra-Debatte in Bezug auf den Einsatz digitaler Medien den Diskurs bestimmt, sondern die Auseinandersetzung mit zwei meiner Ansicht nach zentralen pädagogischen Fragen:

1. Welche kulturellen Praktiken sind für das Leben des Einzelnen bestimmend?

2. Welcher Ermöglichungsrahmen unterstützt ein selbstbestimmtes Leben in eben jener konkreten kulturellen Formation?

Ich stelle die kultrellen Formen vor, und skizziere im Anschluss an Stalder Antworten auf die erste Frage.

Hinsichtlich der zweiten Frage lade ich Euch ein, sie für euren eigenen Wirkungskreis zu beantworten.

Was also meint Referentialität?

Referentialität ist eine Methode, mit der sich Einzelne in kulturelle Prozesse einschreiben und als Produzenten konstituieren können.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1369-1370). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Referentialität ist ein Form, eine Art und Weise an der Aushandlung von Bedeutung teilzunhemen. Bedeutungen zu verhandeln ist in Stalders Ansatz das zentrale Bestimmungsmerkmal von kultureller Praxis. Er vertritt damit einen bedeutungs-, symbol- und wissensorientierten Kulturbegriff (zur Differenzierung verschiedener Kulturbegriffe s. Reckwitz 2000: Transformation der Kulturtheorien).

Im Kern geht es bei dieser Methode der Bedeutungsaushandlung darum, Bezüge herzustellen.

Referentialität ist eine Eigenschaft vieler Verfahren, die verschiedene Genres der professionellen wie auch der Alltagskultur und deren Arbeitsweisen umfassen. Dabei wird bereits mit Bedeutung versehenes Material – im Unterschied zu sogenanntem Rohmaterial – verwendet, um neue Bedeutung zu schaffen.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1385-1387). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Stalder verortet den Beginn dieser kulturellen Entwicklung hin zu dieser mittlerweile umfassenden kulturellen Praxis bei der Erfindung des Buchdrucks.

Erst der Buchdruck abstrahierte die Schriftzeichen von der analogen Handschrift und realisierte sie als standardisierte, verlustfrei repetierbare Zeichen. Mit dem Buchdruck wurde die Schrift in diesem praktischen Sinne digital, und der Umgang mit Texten änderte sich in kürzester Zeit radikal.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1439-1440). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

(Soviel dann auch zum Konstrukt einer aktuellen „Digitalen Revolution“)

Der Buchdruck und die dramatisch gestiegene Verfügbarkeit von Büchern zog folgende Praxisformen nach sich:

  • Vergleichen und Kritisieren
  • Fokussieren des (noch) nicht gewussten, statt das Gewusste zu bewahren (wie früher)
  • Katalogisierung
  • Zusammenführung von Texten, Zitation, Bestehendes in Neues einpassen.

Diese Informationsflut 1.0 wurde dann durch die neuen technischen Möglichkeiten ab den 90er Jahren in eine Infrmationsflut 2.0 überführt, in der nun nicht mehr nur Text, sondern auch Bilder, Audio und Video digital codiert und bearbeitet wurden. Zudem kam es zu einem Digitalisierungssog, Analoges wurde zunehmend digitalisiert (z.B. Google Books). Viele Kulturgüter wie Bücher, aber auch sonstige Kunstobjekte sind losgelöst von Raum und Zeit (z.B. Bibliothek/ Museum mit Öffnungszeiten) zugänglich.

Als Konsequenz lösen sich die einzelnen Objekte aus einer übergeordneten Narration, hergestellt durch das Museum oder Archiv, das sie aufbewahrte und ihnen so einen bestimmten Platz in einem größeren Gefüge und eine mehr oder weniger klare Bedeutung zuwies. Sie werden in der Folge bedeutungsoffener.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1589-1591). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

So wird das Ermöglichen von Verstehen, des Erschließens von Bedeutung eine vielleicht zunehmend wichtigere pädagogische Aufgabe.

Ein Suchergebnis artikuliert keinerlei interpretatives Bezugsfeld, sondern einzig einen Zusammenhang zwischen einer aktuellen Anfrage und dem sich ständig wandelnden Korpus an Material, hergestellt durch sich ebenfalls ständig ändernde Suchalgorithmen.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1591-1593). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Die gemeinsame Herstellung eines Rahmens, innerhalb dessen das Gefundene sinnvoll interpretiert werden kann, stellt eine anspruchsvolle Aufgabe – im Unterricht, aber auch in der Beratung – dar.

Aber auch die Entscheidung, welches denn für den Einzelnen die relevanten Bezüge sind, ist alles andere als trivial und könnte zunehmend zu einer persönlichen Entwicklungsaufgabe avancieren.

In dieser Situation wird die Erstellung eines eigenen Gefüges von Bezügen zunehmend zur allgegenwärtigen und allgemein zugänglichen Methode, all die ambivalenten Dinge, die jedem Einzelnen begegnen, zu ordnen.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1618-1620). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Was also muss der Einzelne können?

  1. Fokussierung von Aufmerksamkeit >>> Auswählen
  2. Verbindungen herstellen zwischen den vielen Dingen, auf die sich die Aufmerksamkeit richtet >>> Zusammenführen
  3. Aspekte entfernen, hinzufügen >>> Verändern

Solche Verfahren des Sich-Einschreibens in die Welt durch Hinweisen, Verbinden und Verändern werden angewandt, um durch das eigene Handeln in der Welt Bedeutung zu schaffen und um sich selbst in ihr zu konstituieren, für sich und für andere.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1692-1694). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Die Alltagspraxis ist also dadurch charakterisiert, dass der Einzelne „vor dem Hintergrund umfassender Bedeutungslosigkeit Bedeutung erzeugen“ muss.

Nach Stalder überfordert dies den Einzelnen aus zwei Gründen.

  1. Diese Herausforderung ist aufgrund der mittlerweile bestehendenden Verfügbarkeit von Informationen (s. Informationsflut 2.0) zu groß. Das ließe sich vielleicht durch die Aneignung von Strategien zur Recherche und Aufbereitung von Informationen ( = gängiges Element in sog. Medienkompetenz-Trainings) zumindest kurzfristig „gefühlt“ lindern. Der zweite Grund macht aber auf eine weiterführende kulturelle Praxis aufmerksam, die für die Bedeutungsproduktion grundlegend ist.
  2. Bedeutung entfaltet sich immer intersubjektiv.

Sie kann zwar von einer einzelnen Person behauptet werden, aber andere müssen sie bestätigen, damit sie Kultur werden kann. Deshalb ist das eigentliche Subjekt der Kulturproduktion unter den Bedingungen der Digitalität nicht der Einzelne, sondern die nächstgrößere Einheit.

Stalder, Felix. Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen1752-1755). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Die zweite kulturelle Form der Digitalität – die Gemeinschaftlichkeit – skizziere ich demnächst genau hier.

3 Gedanken zu “Beziehungs-Weise: Referentialität als Form der Digitalität

  1. Pingback: Einsam im Digitalen? – Im Gegenteil! – subject.

  2. Pingback: Alles in Ordnung? Früher war auch schon Algorithmus! – subject.

  3. Pingback: Netzwerke bilden: Beteiligung, Lernen und Digitalität. – subject.

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