Digitalisierung oder Digitalität?

Digitalisierung. Das war bisher das Schlagwort, das auch ich verwendet habe, um den Kontext zu benennen, der für diverse Themen bedeutsam ist: Pädagogische Ziele, Lehr-/ Lernmethoden, Entwicklungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, Qualifikationen/ Kompetenzen etc. pp.

Digitalisierung. Ein Begriff. Und dahinter steht eine unüberschaubaue Vielfalt an Themen, Meinungen und Diskursen. Das haben Begriffe so an sich. Und das macht das Finden eines eigenen Standpunktes so schwierig. Mitunter ist es dann hilfreich, nicht stehen zu bleiben, sondern sich – paradoxerweise – zu bewegen, in Gang zu setzen, weitere Schritte zu machen, um einen besseren Standpunkt zu finden. Nicht umsonst steckt ja das Wort „Schritt“ in Fortschritt.

Und manchmal sind es dann die Kleinigkeiten „am Wegesrand“, die irritieren. Kleine Unterschiede, die aber dann doch einen großen Unterschied machen (i.S.v. Bateson).

So ist es mir beim Ansehen dieses kurzen Interviews mit Lisa Rosa gegangen.

Auf die Frage, was Digitalisierung für sie bedeutet, antwortet Lisa Rosa:

Digitalisierung ist – oder die Digitalität besser gesagt – ist die Epoche, in der das digitale Medium das Leitmedium ist, das die gesamte Kultur bestimmt.“

Das Interview ist auch im weiteren Verlauf sehr interessant. Aber schon dieses erste Statement ließ mich stolpern.

Digitalität? Ein besserer Begriff als Digitalisierung?

Rein grammatisch betrachtet drückt das Suffix „-ität“ einen Zustand aus bzw. bezeichnet eine Eigenschaft. Wirkt im ersten Moment irgendwie statisch. Fast schon stigmatisierend. Als Pädagoge hat man ja irgendwie habituell etwas gegen Eigenschaftszuschreibungen.

Da ist einem das Prozesshafte doch lieber. Also warum nicht Digitalisierung. Wenn etwas „-isiert“ wird, dann wird es – laut Duden – in einen bestimmten Zustand gebracht bzw. zu etwas gemacht. Besser. Da ist dann noch alles im Fluss, alles offen. Man kann spekulieren, Hoffnungen hegen und da ja alles noch im Prozess ist, kann man Festlegungen gut begründet vermeiden. Oder?

Der Begriff Digitalität lädt zu einem Perspektivwechsel ein. Er legt es nahe, einmal aus der beschleunigten Thematisierung von Trends, Tools und Technologie auszusteigen. Stattdesen kann man sich fragen: In was für einr Zeit („Epoche“) leben wir eigentlich? Welches sind die kulturellen Besonderheiten? Das sind zugegebenermaßen recht allgemeine und grundsätzliche Fragen.

Um einen Standpunkt zu finden, ist das Grundsätzliche aber hilfreich.

Auch die Frage, wie eine zeitgemäße Bildung beschaffen sein sollte, ist ebenfalls derart grundsätzlicher Natur. Für Dejan Mihajlovic steht zeitgemäße Bildung für ene Gesamtbetrachtung und misst sich an aktuellen Herausforderungen. Und diese Herausfordrungen können mit „Digitalität“ gut auf den Begriff gebracht werden.

Meine Irritation anlässlich der Entdeckung der neuen Vokabel „Digitalität“ führte mich zu einem Ansatz, der auch in Hinblick auf die Klärung der Frage, was zeitgemäße Bildung sein kann und sollte, vielversprechend ist:

Felix Stalder
Kultur der Digitalität

Erschienen: 09.05.2016
edition suhrkamp 2679, Taschenbuch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-518-12679-0

Was bedeutet Digitalität?

Felix Stadler steigt die Bedeutungsleiter hoch und ermöglicht dem Leser einen Überblick, der weit hinausreicht über die kleinteiligen Debatten zu künftigen Kompetenzprofilen, den ideologischen Pro-/ Contra-Diskussionen zur sog. Digitalisierung und den – mal mehr, mal weniger empirisch fundierten – Chancen- und Risiko-Analysen.

Das bemerkt man bereits gleich zu Beginn. Stadler stellt fest, dass

[d]ie Entstehung und Ausbreitung der Kultur der Digitalität […] die Folge eines weitreichenden, unumkehrbaren gesellschaftlichen Wandels [ist], dessen Anfänge teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.

Stalder, Felix (2016-05-07T23:58:59). Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen105-106). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Schon hier kommt der Verdacht auf, dass Digitalität mehr ist als Digtalisierung im Sinne eines technischen Vollzugs. Stattdesen gibt es eine umfassende kulturelle Dimension:

Immer mehr Menschen beteiligen ich an kulturellen Prozessen, immer weitere Dimensionen der Existenz werden zu Feldern kultureller Auseinandersetzungen, und soziales Handeln wird in zunehmend komplexere Technologien eingebettet, ohne die diese Prozesse kaum zu denken und schon gar nicht zu bewerkstelligen wären.

Stalder, Felix (2016-05-07T23:58:59). Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen107-109). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Nachdem Stadler im ersten Kapitel hisorisch-kulturelle Entwicklungen hin zur Kultur der Digitalität nachzeichnet, beschreibt er diese im zweiten Kapitel näher. Er zeichnet die dieser Kultur konstituierenden Praktiken

  • der Referentialität,
  • der Gemeinschaftlichkeit,
  • der Algorithmizität

nach und schaftt so einen konzeptionellen Rahmen, der dazu einlädt, über Konsequenzen in den eigenen Handlungsfeldern nachzudenken.

Nachdem in den ersten beiden Kapiteln historische Prozesse (Vergangenheit) und kulturelle Formen (Gegenwart) im Fokus stehen, widmet er sich im dritten Kapitel möglichen Szenarien (Zukunft).

Postdemokratie und Commons lassen sich als zwei politische Entwicklungslinien verstehen, die über die aktuelle Krise liberaler Demokratien hinausweisen und neue politische Projekte darstellen. Das eine kann man als im Kern autoritäres System charakterisieren, das andere als die radikale Erweiterung und Erneuerung der Demokratie von der Repräsentation hin zur Partizipation.

Stalder, Felix (2016-05-07T23:58:59). Kultur der Digitalität (edition suhrkamp) (German Edition) (Kindle-Positionen156-158). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version.

Auch wenn ich noch nicht komplett durch bin, empfehle ich das Buch als Orientierungshilfe im Dschungel der Begriffe und Standpunkte rund um die sog. Digitalisierung.

Ausgewählte Erkenntnise aus meiner weiteren Lektüre dieses Buches folgen. Hier.

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