Rezension: Digitales Wissen – Bildungsrelevante Relationen zwischen Strukturen digitaler Medien und Konzepten von Wissen (Dissertation)

Digitales Wissen.

Mit Bezug auf diese Schlüsselkategorie gelingt es Jens Holze in seiner Dissertation Bildungspotenziale digitaler Medien auf eine Art und Weise auszuloten, die sich nicht in den Fallstricken einer unterkomplexen Pro- und Contra- bzw. Chancen-/ Risiken-Diskussion verheddert.

Er leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einer im Wortsinn grund-legenden Thematisierung des Stellenwerts (digitaler) Medien in Bildungskontexten, und darüber hinaus.

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Digitales Wissen – Bildungsrelevante Relationen zwischen Strukturen digitaler Medien und Konzepten von Wissen

Die Arbeit lädt zu einer bildungstheoretischen und zugleich immens -praktischen Reflexion der Bedeutung von Medien in formalen und informellen Bildungssituationen ein.

Diese Reflexion wird ermöglicht durch eine Klärung grundlegender Begriffe wie

  • Bildung,
  • Medium,
  • Wissen.

Zudem werden diese Kategorien in einer Form zueinander in Beziehung gesetzt, die es ermöglicht, zu erkennen, dass Medien

„maßgeblich das Verhältnis des Individuums zu Dingen in der Welt, zu anderen Menschen in der Gemeinschaft und zu sich selbst in seiner Biografie“ (Holze 2017, S. 11)

konstituieren.

Ausgehend vom Entwurf der Strukturalen Medienbildung (Jörissen & Marotzki 2009) rücken Medien als „konstitutive Elemente von Wirklichkeit“ (a.a.O., S. 12) in den Fokus.

Die Fragestellung der Arbeit lautet:

„Wie verändern sich Begriffe von Wissen und Wissensgenerierung im Zeitalter digitaler Medien? Welche Implikationen können daraus für den Begriff der (Strukturalen Medien-)Bildung innerhalb einer Disziplin der Medienpädagogik abgeleitet werden? Inwieweit findet eine Transformation hin zu einem qualitativ anderen Wissen, gar einem digitalen Wissen statt?“ (a.a.O., S. 14)

Holze führt sehr gut nachvollziehbar in Basisannahmen der Medien- und Bildungstheorie ein. Bereits die Auseinandersetzung mit dieser theoretischen Rahmung ist geeignet, neue Perspektiven in Hinblick auf den Zusammenhang von Bildung und Medien zu erschließen.  Aufgrund ihrer prägnanten Programmatik führe ich die auch von Holze zum Bezugspunkt genommenen 5 Sätze zur Charakterisierung der „Medienbildung“ von Jörisson (2013) an dieser Stelle auf:

  1. Medienbildung ist Bildung in einer von Medien durchzogenen – „mediatisierten“ – Welt.
  2. Medienbildung ist daher nicht nur Bildung über Medien (Medienkompetenz) und nicht nur Bildung mit Medien (e-learning).
  3. „Bildung“ meint nicht nur Lernen, auch nicht Ausbildung, pädagogische Vermittlung oder altbürgerliche „Gebildetheit“, sondern: Bildung bezeichnet Veränderungen in der Weise, wie Individuen die Welt (und sich selbst) sehen und wahrnehmen – und zwar so, dass sie in einer immer komplexeren Welt mit immer weniger vorhersehbaren Biographien und Karrieren zurechtkommen, Orientierung gewinnen und sich zu dieser Welt kritisch-partizipativ verhalten.
  4. Medien bestimmen wesentlich die Strukturen von Weltsichten, sowohl auf kultureller Ebene wie auch auf invididueller Ebene: Orale Kulturen, Schrift- und Buchkulturen, visuelle Kulturen und digital vernetzte Kulturen bringen jeweils unterschiedliche Möglichkeiten der Artikulation (des Denkens, des Ausdrucks, der Kommunikation, der Wissenschaften, der Künste) hervor.
  5. Medienbildung ist also der Name für dafür, dass die Welt- und Selbstverhältnisse von Menschen mit medial geprägten (oder konstituierten) kulturellen Welten entstehen, dass sie sich mit ihnen verändern – und vor allem auch dafür, dass Bildungsprozesse Neues hervorbringen können: neue Artikulationsformen, neue kulturelle/individuelle Sichtweisen und nicht zuletzt neue mediale Strukturen.

Die sukzessive Erweiterung des Konzepts der Strukturalen Medienbildung erfolgt im Verlauf der weiteren Ausführungen über die differenzierte Ausarbeitung eines theoretisch fundierten Medien- und Wissensbegriffs.

Die Dissertation legt es nahe, die Überwindung der problematischen Kategorie „Digitale Bildung“ weiter zu verfolgen, wie dies ja bereits hier und da geschieht.

Die Ergebnisse der theoretischen Reflexionen und der Analyse von Strukturmerkmalen des Mediums Internets verweisen auf Erfordernisse einer zeitgemßen Bildung, bei der besonders das Erfahrungs- und Orientierungswissen im Zentrum der Aufmerksamkeit steht (a.a.O, S. 195) und die anerkennt, dass

„ein Begriff von Wissen und Wissensgenerierung entwickelt werden kann, der einerseits das Subjekt und Medialität als Ausgangskonzepte zugrunde legt und der andererseits in Abhängigkeit von einer digitalen Medialität aktualisierbar ist.“ (a.a.O., S. 196)

Mit dieser Überschreitung der Konzentration auf Verfügungswissen hin zu Orientierungs- und Erfahrungswissen betont Holze die prominente Stellung des Subjekts in der digitalen Gesamtszenerie. Auch das ist meiner Ansicht nach ein wichtiger Verdienst dieser Arbeit, verschwindet doch das Subjekt manchmal hinter filigranen Entwürfen von Kompetenzrastern.

Denn: Was geschieht im Zuge der Pluralisierung der Gesellschaft (a.a.O., S. 200)?

„Daraus ergibt sich ein stärkerer Bedarf an Aushandlungs- und Reflexionsprozessen. Räume für Unbestimmtheit nehmen zu und der Umgang mit Ihnen muss erlernt werden, was ganz essentiell der Kern des strukturalen Bildungsbegriffes ist. Die digitale Medialität, das lässt sich anhand der Strukturmerkmale des Internets abstrakt erkennen,
ermöglicht eine zunehmend kontingente Welt, eine Welt der Unbestimmtheit des Mediums und der Verschärfung der Strukturkrisen der Moderne, wie sie zu Beginn eingeführt wurden. Die Autonomie des Subjekts wächst im gleichen Maße, wie es sich der Unbestimmtheit bewusst ist, die nicht zuletzt in den Medienstrukturen an gelegt ist. Dabei stellt das Internet Räume hoher Optionalität her und ermöglicht in gewisser Weise ein Training für Unbestimmtheit und den Umgang mit ihr.“ (ebd.)

Das ist doch ein klarer Auftrag an eine zeitgemäße Bildung.

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2 Gedanken zu “Rezension: Digitales Wissen – Bildungsrelevante Relationen zwischen Strukturen digitaler Medien und Konzepten von Wissen (Dissertation)

  1. Herzlichen Dank für die wohlwollende Einschätzung! Es ist natürlich, wenn ich auch auf diversen recht weit entwickelten Theoriefüßen stehe, lediglich der Anfang eines noch fortzusetzenden Forschungsprozesses.

  2. Gern. Ich kann mir gut vorstellen, dass Praxisforschung in (medien-)pädagogischen Handlungsfeldern interessant sein könnte, um den Umgang mit Unbestimmtheit und die Entwicklung von Erfahrungs- und Orientierungswissen zu rekonstruieren.

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